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Besinnung | 31. Juli 2020

Bergvisionen

Gedanken zum Leben in der Corona-Wüste

Bergvisionen

Liebe Gemeindemitglieder,

Berge üben eine besondere Faszination aus. Sie dienen der Selbst- und Grenzerfahrung: Auf einen Berg muss man erst hinaufsteigen und in den wenigsten Fällen hilft eine Seilbahn weiter. Doch wer die Mühe auf sich nimmt und bis an die Spitze kraxelt, der wird mit einer unglaublichen Aussicht belohnt. Je höher der Berg und je größer die damit verbundene Anstrengung, desto mehr nähert man sich diesem literari­schen Ort „über den Wolken“, an welchem alle Ängste und Sorgen verborgen bleiben, die größeren und kleineren Herausforderung sich schlagartig verkleinern und kaum mehr zu erkennen sind.

Die Wüstenerzählungen im Buch Deuteronomium enden mit einer solchen Bergvision. Mose steigt nach nunmehr 40jähriger Wanderung durch die Wüste auf den Berg Nebo im damaligen Moab und heutigen Jordanien. Dort zeigt ihm Gott das verheißene Land. Das ganze Land mit den zentralen Bergmassiven in der Mitte, den fruchtbaren Ebenen im Norden und im Süden, die Wüstenlandschaft des Negev und das fruchtbare Tal der Jordanebene. Ein Blick auf die Zukunft des Volkes, eine Vision des Angekommen-seins. Mose darf sehen, dass sich der Weg durch die Wüste gelohnt hat. Das Ziel wird erreicht werden. Er weiß, dass dem Volk Israel eine verheißungsvolle Zukunft bevorsteht. Mose stirbt mit diesem Eindruck. Sein Weg durch die Wüste, endet in der Wüste – wenigstens, als Akt göttlicher Gnade, mit einem Blick auf das verheißene Land und dem Wissen, dass er nicht umsonst gelaufen ist.

Eine solche Bergvision auf die Zukunft ist heilsam. Sie lässt erkennen, dass das Leben weitergeht. Mit Abstand und Distanz können vielleicht auch wir bereits aus der Corona-Wüste herausschauen und in eine Zukunft blicken, die verheißungsvoll erscheint. Die Schönheit der Aussicht verleitet aber dazu, das Große und Ganze mit eigenen positiven Eindrücken aufzufüllen. Wenn der Blick auf die Details verloren­geht, mag die Zukunft rosiger gedacht werden als sie ist. Mose erahnte in seiner Vision wohl nicht, dass die Ankunft im Land mit kriegerischen Auseinandersetzungen einhergehen wird. Dass das Volk Israel einst aus dem Land verschleppt werden und es zu einer erneuten „Wüstenzeit“ in Babylonien kommen wird, sah er wohl auch nicht. Aber über all diese Details hinweg sah er den großen Zusammenhang, dass sich Gottes Verheißung erfüllen wird und dies ließ ihn offenbar in Frieden gehen.

Diese Bergerfahrung sticht nunmehr punktuell in unserer eigenen Wüstenerfahrung heraus. Wie unsere Zeit nach der Wüste aussehen mag, können wir bestenfalls erahnen. Weitere Herausforderungen werden vor uns liegen, seien sie ökonomischer oder ökologischer Prägung. Wie viel noch vor uns liegt, bleibt ungewiss. Doch wollen wir darauf vertrauen, dass diese Wüstenzeit vorübergehen wird. Unsere Impuls­reihe in der Coronawüste jedenfalls möchten wir mit diesem Blick vom Berg Nebo beenden und mit einer weiteren Bergvision beschließen, die sich am Ende des Matthäusevangeliums findet: „Seid gewiss: Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Möge Sie diese Gewissheit durch die weitere Zeit begleiten,

Ihr Vikar Johannes Vortisch

 

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