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Besinnung |11. September 2020

Impuls zum Jakobusbrief

Impulse zum Jakobusbrief

Von Werken, Glaube und Liebe

Liebe Gemeinde,

in der Mitte des Briefes (Jak 2,14–26) wird ein Feuerwerk an Polemik gezün­det, um eine schon fast banale Binsenweisheit hervorzubringen: Ein Glaube, der folgenlos bleibt, ist unnütz. Tot.

Diese Behauptung möchte er an zwei Gewährszeugen erweisen: Abraham und Rahab. Abraham begeg­nete uns bereits als Beispiel einer erfolgreichen Versuchungs-Prüfung: voller Vertrauen auf Gott war er bereit, seinen Sohn Isaak zu opfern. Dies versteht der Jakobusbrief als Werk, denn Abraham tat wie ihm geheißen wurde. Sein Glaube wurde dadurch vollkommen, er selbst ein Gerechter. Ein hohes Ideal, das der Brief hier einfordert, und eine Vorstellung, die es anzufragen gilt. Der Autor geht offenbar davon aus, dass die aus Glauben hervorgebrachten Werke zugleich gute Werke sind. Eine gewagte Behauptung. Wurde doch in den verschiedenen Spielarten christlicher Existenz in Vergangenheit und Gegenwart nicht zuletzt auch aus Glaubensüberzeugung heraus Leid verursacht. Manche Ausleger machen dies auch an Abraham fest: Die Erfahrung der Beinahe-Opferung wird an Isaak nicht spurlos vorübergegangen sein; von Sarah wird unmittelbar im Anschluss ihr Tod berichtet. Dies lässt mich im Jakobusbrief einen ersten Trugschluss erkennen: Der Glaube ohne Werke mag tot sein, aber nicht jedes Werk bewirkt Leben.

Als zweite Gewährsfrau führt der Brief Rahab an. Als das Volk Israel die Wüstenzeit endlich hinter sich hatte, stand die Eroberung des gelobten Landes an. Rahab versteckte die beiden israelitischen Spione in Jericho auf ihrem Dach und rettete so ihre Leben. Für den Jakobusbrief ein Werk aus Glauben, das Rahab zu einer Gerechten macht. Allerdings ist in der Erzählung nicht eindeutig, ob Rahab bereits aus dem Glauben an Gott heraus handelt oder aus Angst. So lässt sich an Rahab ein zweiter Trugschluss der jako­binischen Argumentation festmachen: Nicht jede gute Tat ist aus Glauben motiviert. Rahab war zum Zeitpunkt ihrer Tat noch kein Glied des Volkes Israel. Um es weiterzuführen: es finden sich gute Taten auch jenseits einer christlichen Glaubenspraxis.

Der Brief verfehlt m.E. eine entscheidende Klärung, nämlich die Frage, wes Geistes Kind die Werke sind. Ich vermute, dass wir dies aus den beiden Gewährszeugen herauslesen müssen. Abrahams „Glaubens­werk“ scheint der unbedingte Gehorsam zu sein. Man kann dies als Gottesliebe verstehen. Jesus be­stimmt Gottesliebe, indem er das jüdische Glaubensbekenntnis zitiert: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft.“ Die Gottesliebe ist folglich eine zentrale Voraussetzung, aber sie genügt nach dem Jakobusbrief nicht. Die Gottesliebe fordert zu Taten auf. Doch die Abraham-Episode ist ein schlechtes Beispiel. Die unkritische Befolgung des Gotteswillens kommt hier nicht ohne Leid aus, wie auch an anderen Orten aus der unkritischen Befolgung des vermeintlichen Gotteswillens Leid hervorgeht. Es bedarf hier eines Korrektivs, wie uns dies in christlicher Freiheit auch zusteht. Dieses Korrektiv zeigt sich nach meinem Verständnis im Beispiel der Rahab. Sie ergreift Partei für das Leben der beiden Spione. Sie liefert sie nicht dem sicheren Tod aus. Rahabs Handeln ist ein Akt der Nächstenliebe. Und das, obwohl sie einander nicht nur fremd, sondern feind sind. Ihr Werk offenbart die Nächstenliebe als zentralen Maßstab des Handelns und sie bezieht in dieses bereits die Feindesliebe ein. Auch bei Je­sus steht das Gebot der Gottesliebe nicht allein, sondern wird um diesen Aspekt ergänzt: „Du sollst dei­nen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Und wie an verschiedenen Stellen des Evangeliums deutlich wird, gilt diese Nächstenliebe nicht den Glaubensgeschwistern allein, sondern auch den Fremden, selbst den Feinden. Das Zueinander von Gottes- und Nächstenliebe scheint mir die Basis der jakobinischen Aus­führungen zu sein. Daher schlage ich eine Reformulierung vor, um es uns verständlicher zu machen: So bleibt auch der Glaube, ohne Gottes- und Nächstenliebe, tot in sich selbst – oder, um es zu schärfen: So gibt es keinen Glauben, ohne Gottes- und Nächstenliebe. So erinnert uns der Jakobusbrief daran, dass wir zum Handeln aufgefordert sind. Nicht, wie man den Brief vielleicht verstehen mag, zum Handeln um der Werke willen, sondern aus unserer je eigenen Verantwortung vor Gott heraus und immer zugunsten unseres Nächsten.

Seien Sie herzlich gegrüßt, Ihr Vikar Johannes Vortisch

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