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Besinnung | 8. Mai 2020

Gedanken zum Leben in der Corona-Wüste

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Neben den Murrgeschichten und den Gesetzestexten gehören Kriegserzählungen zu den zentralen Erzählbausteinen, auf welche in den biblischen Wüstenerzählungen immer wieder zurückgegriffen wird. Bereits der Auszug aus Ägypten ist eine Flucht vor der Streitmacht des Pharaos, die auf wundersame Weise im Schilfmeer ertrinkt. Auf dem Weg durch die Wüste und kurz vor Ankunft am Berg Sinai wird Israel von den Amalekitern angegriffen (Ex 17,11–16; Dtn 25,17–19). Dabei attackieren die Amalekiter das Volk von hinten und bekriegen die Schwächsten der Schwachen. Josua stellt sich dem Kampf, während Mose für den Sieg des Volkes bittet. Solange Mose die Arme in die Höhe streckt, lässt Gott Israel die Oberhand behalten. Aus der umkämpften Schlacht geht Israel siegreich hervor und Gott kündet die Tilgung Amaleks unter dem Himmel an.

Diese und andere kriegerische Auseinandersetzungen des Volkes Israels gehören zum festen Bestandteil der biblischen Erzählungen. Heutzutage befremdet uns die Vorstellung eines kriegerischen Gottes und die Vernichtung der Feinde Israels, die nur allzu oft in drastischen und blutigen Bildern geschildert wird. Die Darstellungen folgen meist literarischen Konventionen der Antike und stellen rhetorische Übertreibungen eines historischen Kerns dar, sofern es diesen gab. Diese Annahme legt eine Spur aus, wie wir die Kriegserzählungen verstehen können: Die Feinde Israels werden als lebensfeindliche Mächte stilisiert. Sie bedrohen die Existenz des Volkes Israel. Zumindest ein Teil der biblischen Kriegserzählungen bringt daher zum Ausdruck, dass Gott seinem Volk beisteht und die Treue hält. Gegen alle Feindseligkeit, die Israel widerfährt, geht letztlich der lebensschaffende Gott siegreich hervor. In diesen Tagen können wir dieser martialischen Rhetorik vielleicht mehr abgewinnen als sonst – auch wir warten darauf, dass das Corona-Virus besiegt und vernichtet wird.

In der jüdischen Tradition wird Amalek zum Inbegriff der israelfeindlichen Macht. Im Buch Esther wird Haman, der Antagonist der Erzählung und prototypischer Judenhasser, als Nachkomme Amaleks identifiziert (Est 3,1.10). Und in jüngeren Zeiten wurden in den Nationalsozialisten Amalekiter erkannt.

Heute, am 75. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, wird uns die Notwendigkeit der Überwindung von lebensfeindlichen Mächten im Allgemeinen und von judenfeindlichen Mächten im Speziellen besonders deutlich. Und ja, auch wir in Deutschland dürfen diesen Tag als „Tag der Befreiung“ feiern. Wir dürfen aber nicht verkennen, dass wir Deutsche von uns selbst befreit werden mussten – dass ein System zerschlagen werden musste, das wir mit aufgebaut und erhalten haben. Wir waren Amalekiter. Gerade deshalb sehe ich unsere Gesellschaft in der besonderen Pflicht mit aller Entschiedenheit und in aller Demut vor dem eigenen Versagen in der Vergangenheit jedweden menschenverachtenden und diskriminierenden Tendenzen zu wehren. Diesen Auftrag gilt es auch in der Corona-Wüste wahrzunehmen, in der Verschwörungstheorien hervortreten, die vielfach antisemitisch geprägt sind. Gerade in Krisen- und Ausnahmesituation neigen manche dazu, Ressentiments wiederzubeleben, Menschengruppen dafür verantwortlich zu machen oder bestehende Diskriminierungen zu befeuern. Der 8. Mai mahnt uns und fordert von uns – in diesen Tagen vielleicht mehr als sonst –, lebensfeindliche Mächte zu erkennen, ihnen entgegen zu treten und letztlich zu überwinden. Gott helfe uns dabei.

Vikar Johannes Vortisch

 

 

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