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Besinnung | 7. August 2020

Impuls zum Jakobusbrief

Impuls zum Jakobusbrief

Als Sammlung von Aphorismen, als Aneinanderreihung von weisheitlichen Worten des „Herrenbruders“ – so präsentiert sich uns der Jakobusbrief. Ich versuche mir vorzustellen, welches Bild von Jakobus der Briefschreiber vor Augen hatte, als er für dieses Schreiben seine Autorität in Anspruch nahm: Der Bruder Jesu ist bereits in Weisheit ergraut und gibt nun seine Lebens­weisheiten weiter. Sein Weg ist allerdings von Brüchen gekennzeichnet.

Am Anfang war Jakobus einer von vielen Menschen, die nichts mit Jesu Bot­schaft anfangen konnten. Vielleicht war er damit beschäftigt, den Lebensunter­halt für die Familie zu sichern. Vielleicht blieb ihm Jesus bereits aus Kindheits­tagen unverständlich. Vielleicht fühlte er sich nicht beachtet, hinter ihn zurück­gesetzt. Vielleicht hatte er Angst um ihn – sah die Gefahr, die sich aus seiner Kritik an den Oberen ergeben könnte. Vielleicht hatten sich die beiden Brüder auch entfremdet, lebten in ihren eigenen Welten. Im Gegensatz zur Mutter Maria folgt er Jesus und seinen Jüngern nicht sofort nach Jerusalem. Jakobus bleibt in der Ferne, auf Distanz, sucht offenbar bewusst den Abstand. Jakobus steht zu irdischen Leb­zeiten Jesu am Rand der Jesuserzählung.

Die Sorgen, die Jakobus in meiner Vorstellung mitbringt, werden im Brief selbst nicht thematisiert. Viel­mehr wendet er sich an die zwölf Stämme der Diaspora, wie es im Brief heißt. An Gemeinden, die weit weg von Jerusalem, dem Zentrum, sind und sich in der Fremde zurechtfinden müssen. Der Briefschreiber fürchtet, dass sich seine eigenen Sorgen und Anfechtungen, auch an diesen Orten finden. Er sieht sich in der Verantwortung, diese Gemeinden durch einen Brief in ihrer Anfechtung zu ermutigen. Er ruft den Gemeinden ins Gedächtnis, dass Anfechtung eine Zeit der Bewährung ist. Dass die äußeren Umstände, mit denen sie konfrontiert werden, eine Prüfungssituation mit sich bringen, die es auszuhalten gilt – gar in Freude anzugehen ist.

Meine Brüder und Schwestern, erachtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtung fallt, und wisst, dass euer Glaube, wenn er bewährt ist, Geduld wirkt. Die Geduld aber soll zu einem vollkommenen Werk führen, damit ihr vollkommen und unversehrt seid und keinen Mangel habt.

Der Jakobusbrief fordert Glauben in dieser Anfechtung. Im Glauben wird Geduld bewirkt, die hilft, die Situation der Anfechtung nicht nur auszuhalten, sondern mutig anzugehen und zu überstehen. Die jako­binischen Formulierungen an dieser Stelle und über den Brief hinweg, lassen im ersten Lesen den unan­genehmen Beigeschmack zurück: „Dein Glaube bewirkt die Geduld, die Du brauchst.“ Man kann diese Mahnung so verstehen, und ich meine miss-verstehen, dass wir Kraft des eigenen Glaubens diese Geduld selbst bewirken. Und wenn wir uns in der Anfechtung als dünnhäutig, ungeduldig, sorgenvoll und ängst­lich wahrnehmen, so sei unser Glaube zu schwach und wir könnten und müssten daran selbst etwas än­dern.

Der Jakobus, der mir vor Augen steht, weiß aber aus eigener Erfahrung, dass auch der Glaube ein Ge­schenk Gottes ist, der sich nicht natürlich ergibt. Obwohl er selbst mit Jesus aufgewachsen ist, gehörte er nicht automatisch dazu. Er musste dem Auferstandenen begegnen und den Glauben geschenkt bekom­men. Es ist Gottes Zuwendung zu uns, die uns durch den Glauben zur Geduld in der Anfechtung befähigt. So verstehe ich den Hinweis, dass derjenige, dem es an Weisheit mangele, Gott bitten soll. Denn Gott ist es, der jedem gern und ohne Vorwurf gibt. Dass wir uns in der Anfechtung an Gott wenden dürfen und er uns das Nötige gibt, um diese Situation zu überstehen. Durch seine Gnade erhalten wir den Glauben, der für uns Geduld bewirkt, die Prüfung durchzustehen. Weil wir uns auch in Anfechtung an Gott wenden können und darauf vertrauen dürfen, dass er uns für die Situation stärkt, sollen wir uns freuen – auch in Wüstenzeiten!

Ihr Vikar Johannes Vortisch

 

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