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Besinnung | 3. Juli 2020

Von Menschen-Bildern

Gedanken zum Leben in der Corona-Wüste

Von Menschen-Bildern

Liebe Gemeindemitglieder,

Wüstenzeiten sind mitunter auch Zeiten der Zwistigkeiten. Davon bleibt auch das Führungstrio um Aaron, Miriam und Mose nicht verschont. In Numeri 12 reden Aaron und Miriam öffentlich schlecht über Mose – hinter seinem Rücken. Vordergründig beschweren sie sich, dass ständig Mose im Zentrum steht und ihnen zu wenig Beachtung geschenkt wird, ihnen Sichtbarkeit ver­weigert wird. Dieses Murren führt zu einer göttlichen Intervention: Gott weist Aaron und Miriam zurecht. Es wird ihnen untersagt, schlecht von Mose zu reden. Als strafendes Zeichen wird Miriam vom Aussatz befallen – sieben Tage lang.

Der biblische Erzähler stellt dieser Erzählung eine Lesebrille voran: Miriam und Aaron nehmen (hintergründig) daran Anstoß, dass Mose eine Kuschiterin geheiratet hat – eine schwarze Frau. Dieser Tage kann ich die Notiz kaum anders lesen, als dass hier ein rassistischer Kommentar eingepflegt wird. Mose wird wegen seiner Ehefrau diskreditiert. Sie erscheint als die Andere, von der sich Miriam und Aaron offenbar abgrenzen wollen, die ihnen ein Dorn im Auge ist. Ange­sichts dieses Hintergrunds wirkt es zunächst ernüchternd, dass Gott lediglich Mose in seiner Rede zu legitimieren scheint – seine Frau, die namenlos bleibt, wird nicht erwähnt. Allerdings lässt sich Miriams Strafe als göttliche Ironie verstehen: Ihr Aussatz wird als schneeweiß bezeich­net. Nahm sie davor an der dunklen Hautfarbe ihrer Schwägerin Anstoß, so muss sie nun am eigenen Leib erfahren, aufgrund ihrer Hautfarbe geächtet zu werden.

Die Ächtung aufgrund von Hautfarben, die damit verbundene fehlende Sichtbarkeit und mangel­hafte Repräsentation der People of Colour sind zentrale gesellschaftliche Probleme, mit denen wir im Westen in der gegenwärtigen Rassismusdebatte konfrontiert werden. Über Jahrhunderte haben sich Strukturen ausgebildet, in denen Macht und Privilegien mit Weiß-sein kodiert wurden. Dies ist so selbstverständlich geworden, dass überhaupt erst nachdrücklich betont werden muss: Black Lives Matter!

Wie stark sich diese Selbstverständlichkeit des Weiß-seins in unsere kulturelle DNA eingeprägt hat, lässt sich an einem simplen Beispiel erweisen. Woran denken Sie, wenn Sie von Mose, Miriam oder Aaron lesen? Mein Mose-Bild ist durch Kinderbibeln geprägt, dass wohl wechselseitig durch Charlton Hestons Verkörperung im monumentalen Bibelepos Die Zehn Gebote (1956) beeinflusst ist. Auch der jüngste Mose-Film Exodus: Götter und Könige (2014) greift mit Christian Bale auf einen weißen Schauspieler für die Mosefigur zurück. Die christliche Ikonographie hat an den biblischen Figuren über Jahrhunderte hinweg ein White Washing praktiziert, das sich tief in unsere kulturelle Identität eingebrannt hat. Dabei sind nahezu alle biblischen Figuren als People of Colour zu imaginieren! Nichts dürfte ferner von der Realität sein als die Darstellung Jesu als weißer Mann mit langen blonden Locken.

Ich bin kürzlich auf ein interessantes Fotoprojekt gestoßen, das dieses Problem aufgreift und neue Bilder evozieren und provozieren möchte. Ich meine, wenn wir rassistische Strukturen durchbrechen möchten, die auch das Ergebnis davon sind, wem und welcher Hautfarbe überhaupt sichtbare Räume zugestanden werden, dann müssen wir auch unsere eigenen Bilder und Bildsprachen überdenken. Dieses Projekt kann eine Hilfe sein: https://fineartamerica.com/profiles/2-cornelius-lewis.

Seien Sie herzlich gegrüßt

Ihr Vikar Johannes Vortisch

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