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Besinnung | 29. Mai 2020

aus dem Gemeindebrief zu Pfingsten 2020

Gedanken zum Leben in der Corona-Wüste - Abstand

Wir feiern Gottesdienste und bleiben dennoch in der Wüste. Die Schutzbedingungen, unter denen wir nun Gottesdienste feiern, erinnern mich an die gottesdienstlichen Bestimmungen zur Stiftshütte, die das Volk Israel in der Wüste erhielt. Diese wurden später für den Tempeldienst übernommen. Wer körperlich oder moralisch unrein war, durfte weder am gesellschaftlichen noch am religiösen Leben teilnehmen. Aber auch der Tempelbezirk war streng durchstrukturiert. Nichtjuden durften sich zur Zeit Jesu nur im Vorhof der Heiden aufhalten. Der heilige Tempelbezirk war zwar allen Israeliten zugänglich, aber auch hier fand sich eine Abstufung, wie die Namen „Vorhof der Frauen“, „Vorhof der (männlichen) Israeliten“ und „Vorhof der Priester“ verdeutlichen. Das Allerheiligste durfte nur der amtierende Hohepriester betreten. Dem Chor der Leviten im Vorhof der Priester war die musikalische Gestaltung der gottesdienstlichen Feiern vorbehalten. Die abgestufte Teilhabe lag in einem ambivalenten Verständnis der Heiligkeit Gottes begründet. Wer sich dem Heiligen annähert, ohne selbst so heilig als möglich zu sein, wird überwältig und muss sterben. Nach altorientalischem Denken schloss dies Nichtjuden und Frauen von vorneherein aus. Der heilige Abstand war also aucg eine Schutzfunktion – vielmehr bestimmte er aber die Partizipationsmöglichkeit am Kult, an der gottesdienstlichen Feier.

Das antike Christentum übernahm dieses Modell teilweise. Ungetaufte durften sich nur im Vorraum aufhalten und die Schwelle erst im Zuge der Tauffeier übertreten. In der Kirche selbst trennten sogenannten Altarschranken den Kirchenraum – nur Priester durften den Altarraum betreten und die Schranken passieren. Besonders in der Orthodoxie und bisweilen auch der katholischen Tradition findet sich diese Vorstellung auch heute noch in der Architektur. Der heilige Abstand bestimmte auch in der christlichen Tradition die Teilnahmemöglichkeiten.

Die reformatorische Einsicht wandte sich gegen solche und weitere Abstandsbestimmungen. Im Priestertum alle Gläubigen kommt zum Ausdruck, dass es keinen „Heiligkeitsunterschied“ zwischen den Getauften gibt. Um den Abstand zur unverständlichen Schrift zu verringern, wurde sie in die Umgangssprache übersetzt. Auch der Gemeindegesang ist Ausdruck davon, dass sich nun alle am gottesdienstlichen Geschehen beteiligen können. Mit dieser Überwindung von Distanzen und Abständen wird ein zentraler Aspekt des Handelns Jesu neu freigelegt. Jesus ging bewusst zu den Ausgestoßenen, den Zöllnern, den Prostituierten, den Kranken – gerade zu denen, die körperlich oder moralisch als „unrein“ markiert waren. Jesus verstand die Heiligkeit Gottes nicht als gefährliche oder tödliche Macht, sondern war davon überzeugt, dass die Heiligkeit die Unreinheit überwindet. Wir müssen nicht auf Distanz zu Gott gehen, weil er uns nahekommt und so heiligt.

Wenn wir nun wieder Gottesdienst mit Abstand feiern müssen, ist das eine Zumutung. Die Schutzbedingungen sind notwendig – das steht außer Frage. Sie sind aus der Situation begründet, aber sie dürfen niemals zur Gewohnheit werden. Das widerspräche christlicher Einsicht und unserem reformatorischen Erbe. Alles in uns darf sich gegen diese Form sträuben, auch wenn wir sie um einander willen einhalten müssen. Denn auch wenn wir derzeit einen gesundheitlichen Abstand brauchen, bleibt gewiss, dass es in Jesus keinen heiligen Abstand zu Gott geben kann. Daher wollen wir darauf hoffen, dass sich die Zeiten ändern und wir uns wieder an der Distanzlosigkeit des christlichen Glaubens erfreuen dürfen.

Bleiben Sie behüten und halten Sie – Gott sei’s geklagt – Abstand!

Vikar Johannes Vortisch

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