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Besinnung | 22. Mai 2020

Gedanken zum Leben in der Corona-Wüste

Sabbat

Zehn Gebote wurden Israel in der Wüste von Gott gegeben. Mose stieg auf einen Berg. Er hörte Gottes Stimme. Sie diktierte ihm die zehn Gebote. Vornehm griechisch gesagt: den Dekalog. Nachzulesen im 2. Buch Mose, Kapitel 20. Eines dieser zehn Gebote ist das Sabbatgebot. An einem Tag der Woche soll Israel ruhen. Es soll der letzte Tag sein. Der siebte. Begründet wird der Ruhetag damit, dass Gott selbst geruht hat. Nachdem er die Welt erschaffen hatte (1. Buch Mose, Kapitel 2, V. 2-3). Wie Gott sollen auch die Menschen nach getaner Arbeit ruhen. Es ist ein religiös motivierter Lockdown. Zum Wohl der Men­schen. In dieser Hinsicht vergleichbar dem virologisch begründeten Lockdown, den wir gegenwärtig zu bewältigen haben.

Die Einhaltung, religiös gesagt die Heiligung des Sabbats haben viele Christenmenschen auf den Sonn­tag übertragen. Der Sonntag ist der Tag der Auferstehung Jesu. Der erste Tag der Woche. Die frühe Kir­che hat mehrheitlich gesagt: Nicht der Samstag, sondern der Sonntag soll der Auf­erstehung wegen unser Feiertag sein. Ihn gilt es zu heiligen. Christlich Minderheiten sagen bis heute: Es ist falsch, den Sonntag zu heiligen. Wir müssen zurückkehren zur Heiligung des Sab­bats, also des Samstags. Dieser ist Gottes Ruhetag. Die zehn Gebote geben das vor. Im Laufe der Kirchengeschichte gab es verschiedene Gemein­schaften, die den Samstag zum Feiertag erklärt haben. Die Sieben-Tages-Baptisten im 17. Jahrhundert gehören dazu. Ebenso die Siegen-Tages-Adventisten. Entstanden im 19. Jahrhundert in Nordamerika. In Käfertal haben sie heute ihre Mannheimer Gemeinde.

Was unter Sabbat- bzw. Sonntagsheiligung zu verstehen ist, ist mitunter umstritten. Manche Christen tätigen am Sonntag keine Bankgeschäfte im online-Verfahren. Andere nutzen keine Medien. Wieder an­dere duschen einfach nur lang und/oder frühstücken ausgiebig. In unserer Ge­sellschaft ist der Sonntag als Ruhetag festgelegt. Das öffentliche Leben wird heruntergefahren. Geschäfte dürfen nur ausnahms­weise öffnen. Was staatliche Gesetzte im Blick auf Sinn und Zweck des Ruhetags sagen, klingt merkwür­dig religiös. Von seelischer Erhebung ist da die Rede. Es ist erstaunlich, dass eine Gesellschaft, die mehr oder weniger ganz ökonomisch denkt, sich so eine Unterbrechung von Produktion, Konsum und Betrieb­samkeit leistet.

Der Feiertag ist ein besonderer im Gegenüber zum Werktag. Arbeiten und Ruhen. Sich erholen. Neue Kraft schöpfen für die erneute Arbeit. Diesen Rhythmus kennen wir. In Coronazeiten ist dieser Rhythmus bei vielen verlorengegangen. Erzwungenermaßen. Sie dürfen nicht arbeiten. Sie sitzen im dauerhaften Ruhetag. Eine Erfahrung, die den Unterschied zwischen Alltag und Feiertag verwischt. Wer die Disziplin nicht aufbringt, bei erzwungener Arbeitspause einen All­tagsrhythmus beizubehalten, wer nicht weiß, wie die freie Zeit sinnvoll genutzt werden kann, wem die Arbeitsruhe Angst macht vor dem Aus des Arbeit­gebers – für den kann unsere Gegen­wart bedrückend sein. Leben ohne Struktur tut nicht gut. Ohne Werktag kann der Feiertag seine Kraft nicht entfalten. Wir können nur hoffen, dass sich der gewohnte Rhythmus von Werktagen und Feiertag bald wieder einstellt. Israels Wüstenzeit hat ein Ende gefunden. Unsere wird es auch.

Mit guten Wünschen,
Ihr Pfarrer Alexander Bitzel

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