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Besinnung | 21. August 2020

Impuls zum Jakobusbrief

Impulse zum Jakobusbrief

Die Macht der Zunge (Jakobus 3)

Wir wollen uns auf der Zunge zergehen lassen, was der Ja­kobusbrief uns über die Zunge sagt. Die Zunge ist ein Lieb­lings-Thema der alttestamentlichen Weisheit: Hüte deine Zunge, ja zäume sie und lege ihr Zügel an!

Jakobus schreibt in dieser Tradition über die Zungenfunktion, die Zungenwirkung und die Zungenzähmung. Wer seine Zun­ge zügeln kann, der kann seinen ganzen Leib lenken! Die kleine Zunge ist nämlich für den Leib wie das Ruder im Schiff, es bestimmt den Kurs! Ja, die Zunge und ihre Worte lassen erkennen, wie jemand gestimmt ist, wo er hinwill, und zu wem er gehört. Seine Muttersprache, sein Dialekt, sein Zungenschlag erzählt, wo herkommt. Wie er es sagt, verrät seine Stimmung, was er sagt, erzählt, wo er hinwill.

An ihren Worten kann man sie erkennen, die scharfzüngigen Hassredner und auch die Friedensstifter.

Der Jakobusbrief weiß, dass die Wirkung der Zunge ambivalent ist. Die Zunge kann beides: Mit der Zunge kann man ein Feuer entzünden oder löschen - das ist allerdings schwerer. Es gibt Meereszungen und Feuer­zungen, beide lecken sie und wollen mehr, mehr Land oder mehr Brand.

Das ist die Wirkung der Zunge: ein kleines Feuer zündet einen ganzen Wald an. Sogar der deutsche Wald stand in Flammen, als Hitlers Zunge erst einmal angefangen hatte. Der Hassredner Hitler hat es geschafft, als er zum Judenmord aufrief einen Weltenbrand zu entfachen. Damals dachten manche zuerst, das ist nicht so schlimm, sind nur Worte, aber dann kam der Holocaust und der Zweiten Weltkrieg, und die Folgen sind noch heute nicht aus der Welt.

Man kann aber auch mit der Zunge gegensteuern, Martin Buber hat das getan. Obwohl seinem Volk so viel angetan wurde, ist er nach dem Krieg nach Heppenheim zurückgekommen und hat unermüdlich zum Frieden aufgerufen. Seine Zunge war tatsächlich wie der Griffel eines weisen Schreibers. Seine Bücher zum „dialogi­schen Prinzip“ oder „Ich und Du“ steuern bis heute die Kommunikation der Welt in eine friedlichere und ver­söhnliche Richtung.

„Freunde, dass der Mandelzweig wieder Blüten treibt, ist für uns ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt“.

Auch Martin Luther King hat mit seiner Zunge in die gleiche Richtung gesteuert und die Welt verändert. In sei­ner Rede: I have a dream, hat er die Vision einer Gesellschaft gezeichnet, die nicht mehr von Rassismus be­stimmt ist. Auch wenn er dafür sein Leben lassen musste, singt heute jedes Schulkind seine Botschaft: We shall overcome. Black and white together. Trotzdem ist die Rassen-Diskriminierung bis heute nicht überwun­den.

Wir können nur üben, unsere Zunge im Zaum zu halten, gegenzusteuern und nicht einzustimmen in das neu aufbrechende antisemitische oder rassistische Reden und Schreiben. Heute toben sich die „bösen Zungen“ im Internet und in den social media aus. Doch auch dort sind sie ähnlich wirksam wie in einem berühmten Bild von A Paul Weber Das Gerücht. Das übel stinkende Gerücht fliegt wie eine Schlange mit gespaltener Zunge durch die Häuserschluchten, besteht aber aus lauter kleinen zischelnden Schlangen, und jede kleine Zunge, die sich dazugesellt, macht das flatterhafte sich schlängelnde und zischelnde Wesen länger. Wir können nur die Gegenmelodien üben und unsere Zungen zähmen. Die Zunge, so klein sie ist, kann tatsächlich eine Welt voll Ungerechtigkeit erzeugen. Aber sie kann auch gegensteuern, denn die Zunge ist das Ruder, das den gan­zen Menschen leiten kann, wie die Zügel der Reiterin das Pferd. Wie man seine Zunge zähmen kann, wenn es um Hass geht, und wie man sie lösen kann, wenn es um die Verteidigung des Lebens geht, das ist eine Fra­ge, die der Jakobusbrief nicht beantwortet.

Aber Jesus sagt uns dazu zweierlei: Einerseits ermutigt er dazu, die Zunge zu trainieren durch das gemein­same Gotteslob, und eine so geschulte Zunge wird sich nicht mit unflätigen aggressiven Falschheiten die Zunge verbrennen wollen. − Andererseits gibt Jesus seinen Geist, der die Zunge zum Lob löst. Ja Jesus hat mit dem Einsatz seines Le­bens schwere Zungen gelöst und böse Zungen zum Schweigen gebracht. In seinem Geist hat sich an Pfings­ten die Zungenrede ereignet. Da haben Menschen verschiedener Zungen und Spra­chen sich verstanden. Denn sein Geist hat ihnen die Sprache der Liebe gelehrt, die einzige Kraft, die der Zun­ge Zügel anlegen kann, so dass sie den Matten Mut und den Verzagten Hoffnung zuspricht, ja, manchmal so­gar dem Hass etwas ent­gegensetzt und böse Zungen zum Schweigen bringen kann.

Bleiben Sie behütet und möglichst gesund!
Ihre Pfarrerin Dorothee Löhr

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