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Besinnung | 20. März 2020

Licht und Lied

Liebe Gemeindeglieder,

ein Gerücht ist zu mir gedrungen (aus Wiesbaden von einer klugen Kollegin) vom weltweit verfügbaren Impfstoff, der sehr lebendig macht und ansteckend ist: die Nächstenliebe!

Viele von uns sind schon seit Kindertagen mit diesem Impfstoff Nächstenliebe infiziert und deshalb für manche Angstmache oder Hassrede immunisiert.

Und doch will auch die Nächstenliebe immer mal wieder verstärkt werden gerade in diesen Tagen. Durch die sich bundesweit ausbreitende Lichtaktion zum abendlichen Glockenläuten und auch durch das Balkonsingen, das von Italien - ganz ohne innereuropäische Grenzschwierigkeiten - zu uns gedrungen ist, wird die Nächstenliebe aufgefrischt. Wir nehmen gebührenden Abstand und rücken gerade dadurch unserem Nächsten näher, und sei es auch nur durch das zeitgleiche Licht und Lied beim Abendläuten.

„Der Mond ist aufgegangen … und lass uns ruhig schlafen und unsern kranken Nachbarn auch.“

Das Lied mit den goldnen Sternlein stammt vom Wandsbecker Boten, Matthias Claudius. Er hatte viele Kinder, wesentlich weniger ärztliche Betreuung als wir heute, und er hat die längste Zeit seines Lebens als Redakteur „Home-office“ gemacht, war bestimmt nicht immer ganz harmonisch und unkompliziert, obwohl er seine Familie sehr geliebt hat ...

Sein Lied fungiert bis heute als Gastwirt für den Impfstoff Nächstenliebe!

Mit ihm – dem Lied und seinem Dichter – sind wir ebenso verbunden wie miteinander, und der Impfstoff Nächstenliebe ist seitdem auch nicht veraltet. Das ist so wunderbar wie der weiße Nebel, von dem er dichtet!

Es soll Kinder geben, die den weißen Nebel aus dem Abendlied – völlig politisch unkorrekt – bis ins Jugendalter falsch verstanden und gesungen haben und trotzdem toll fanden und sich immer wieder das Lied „vom weißen Neger Wumbaba“ gewünscht haben. Auch ist mir zu Ohren gekommen, dass die letzte Strophe für eine Familie mit 4 Brüdern noch eine andere Bedeutung bekommt, für gestresste Eltern nämlich, wenn die Kinder endlich im Bett sind: „So legt euch – endlich – ihr Brüder, in Gottes Namen nieder!“ Heute kann man auch singen: „So legt euch Schwestern, Brüder, in Gottes Namen nieder“, und ganz freche Jungs singen: „So legt euch denn ihr Schwestern, zum gleichen Mann wie gestern!“

Viel Freude beim Balkonsingen, lassen Sie sich anstecken von diesem wertvollen und schon lange verfügbaren Impfstoff und geben Sie ihn weiter!

Pfarrerin Dorothee Löhr

Der Mond ist aufgegangen - vor der offenen Epiphaniaskirche

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