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Besinnung | 19. Juni 2020

Gedanken zum Leben in der Corona-Wüste

Liebe Gemeindemitglieder,

die vergangenen Wochen durfte ich im Pre­digerseminar in Heidelberg mit meinen Vi­kars­kolleg*innen verbringen – selbst­re­dend auf Abstand. Diese Zeit der Begegnung, des intensiven Arbeitens, der vielfältigen Ein­drücke sind für mich wie eine Oase in der Wüste. Nun kehre ich zurück in die „nor­male“ Welt, in die Corona-Wüste, die sich in den letzten Wochen verwandelt hat. Die zu­nehmenden Lockerungen bei den Kontaktbestimmungen, die allmähliche Öffnungen zu­gunsten der Geselligkeit in der Öffentlichkeit und die anstehende Rückkehr in den schuli­schen „Normalbetrieb“ lassen mich eine allgemeine Aufbruchstimmung wahrnehmen. Der nunmehr öde gewordene Lagerplatz der eigenen vier Wände darf mehr und mehr zu­gunsten anderer wertvoller Oasen in der Wüste verlassen werden – die Corona-Zeit bleibt uns schließlich noch erhalten.

Meine Gedanken führen mich zu den biblischen Wüstenerzählungen. Wie ist eigentlich das Volk Israel aufgebrochen? Den Auszug aus Ägypten stelle ich mir spektakulär vor, auch die Landnahme kennt eindrucksvolle Erzählungen. Doch dazwischen? Das „Gespräch an der Oase“ imaginierte einen großen Tumult: Miriam, die tanzend und singend voran­geht – Aaron, der in das Schofarhorn stößt – das Gewusel der Volksmenge beim Zusam­menpacken der Zelte. Die biblischen Wüstenerzählungen lesen sich dagegen recht nüch­tern: „das Volk lagerte hier“, „von dort zog es aus“ – mal hierin, mal dorthin. Bei meinem Querlesen gelange ich an das Ende des Buches Exodus. Es wird erzählt, dass die Stifts­hütte gebaut wurde. Eine Wolke kommt herab und umhüllt diese. Gottes Herrlichkeit nimmt Raum inmitten des Volkes. Als Nachklapp erscheint die Notiz, dass das Volk so­lange an einem Ort lagerte, bis sich die Wolke erhob und das Volk an einen neuen Ort führt. Ich erinnere mich zurück. Bereits beim Auszug auf Ägypten war von der Wol­kensäule am Tag und der Feuersäule in der Nacht die Rede, welche das Volk in die Wüste begleitete. Ein spektakuläres Bild für alle, die sich an die Himmelsregungen der letzten Tage zurückerinnern.

Mir gefällt diese subtile Art der Erzählung. Erst am Ende wird im Buch Exodus daran erin­nert, dass das Volk auf seiner Wüstenwanderung stets durch eine Wolkensäule geleitet wurde. Das erklärt zwar nicht die Irrungen und Wirrungen, die seltsame Route und die lange Zeit des Volkes in der Wüste. Aber mit diesem kleinen, fast versteckten Hinweis wird deutlich, dass Gott selbst auf allen Wegen durch die Wüste Orientierung bot und die Phasen der Rast und die Phasen der Wanderung markierte und strukturierte. Ganz hinter­gründig und zart schimmert so diese eine vermeintlich simple Wahrheit durch: Gott geht mit!

Ihr Vikar Johannes Vortisch

 

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