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Besinnung | 17. Juli 2020

Gewalt

Gedanken zum Leben in der Corona-Wüste

Gewalt

Es gibt die dollsten Sachen. Menschen, die sich weigern, ihre Kinder zu impfen, weil sie meinen, die Impfung hätte unabsehbare Spätfolgen. Einen US-Präsidenten, der glaubt, der nordkoreanische Despot Kim Jong Un sei sein Freund (Donald Trump). Leute, die sagen: das Deutsche Reich sei nach der Unterzeichnung der bedingungslosen Gesamtkapitulation der deutschen Streitkräfte im französischen Reims durch Generaloberst Alfred Jodl am 8. Mai 1945 um 23.01 Uhr nicht erloschen. Das Deutsche Reich bestehe vielmehr weiter. Die Bundesrepublik Deutschland, also der Staat, in dem wir leben, gäbe es nicht. Sie habe darum kein Recht, Steuern zu erheben, Strafzettel zu verteilen und Waffenbesitz zu kontrollieren. „Reichsbürger“ nennen sich diese Leute. Problematisch sind sie nicht wegen ihrer historischen und politischen Phantasien. Sondern weil sie zur Gewalt neigen. Die Gruppe der Reichsbürger wächst. Neuerdings gibt es außerdem Menschen, die leugnen, dass es die Corona-Pandemie gebe. Sie behaupten: das ist alles erfunden, um die Freiheit der Menschen in Deutschland einzuschränken. Sollten diese Menschen an COVID-19 erkranken, lassen sie sich nicht testen. Sie sagen dann, es handele sich um eine normale Grippe. Heute, am 18. Juli haben rund 1300 sogenannte Corona-Leugner im Mannheimer Schlosshof gegen die Maßnahmen der Regierungen demonstriert.

Menschen, die krude Ansichten haben, durchleben Krisen. Sie fühlen sich bedroht. Nicht wertgeschätzt. Abgehängt. Ungeliebt. Bald sind es persönliche, bald politisch-gesellschaftliche Krisen, die Menschen in Verschwörungstheorien treiben. Unsere Coronazeit ist eine massive weltweite Krise. Das sollte unstrittig sein. In Coronazeiten haben Verschwörungstheorien Konjunktur. Wenn es ganz schlecht läuft, können Verschwörungstheorien dazu führen, dass Menschen gewalttätig werden.

In Zeiten von Israels Wüstenwanderung war das nicht anders. Das Volk in der Wüstenkrise war unzufrieden mit Mose. Es hat „gemurrt“, wie es ein wenig harmlos heißt in unseren deutschen Bibeln. Gemeint ist: das Volk wollte nicht mehr. Hatte die Nase voll von der Wüste. Hat Gott angeklagt. Hat Mose Vorwurfe gemacht. Korach ist der Name eines Mannes, der sogar einen Aufstand gegen Mose und seinen Bruder Aaron angeführt hat (4. Mose 16). „Ihr behauptet, einen engeren Draht zu Gott zu haben“ – so lautete der Vorwurf der „Rotte Korach“ gegen Mose und seinen Buder. „Ihr verhindert, dass alle Israelten Gott nahe kommen.“

Die Wüstenkrise hat Korach und seine Anhänger dazu gebracht, eine Verschwörung auf Seiten von Mose und Aaron zu vermuten. Krisenzeiten befördern Verschwörungstheorien. Der Aufstand endete unrühmlich. Korach und seinen Anhänger fanden den Tod.

Als Christenmenschen dürfen wir nicht mit dem Finger auf jene zeigen, die in Krisenzeiten zu Verschwörungstheorien finden. Mose soll uns ein Vorbild sein. Er hat versucht, mit Korach und seinen Anhängern zu verhandeln. Wollte sie zur Vernunft bringen. Als Mose gemerkt hat, dass mit Korach und seinen Leuten nicht zu verhandeln war, hat er die Sache Gott anheimgestellt. Gott solle und Gott hat die Sache entschieden.

Ein Vorbild für uns. Versuchen auch wir, mit Menschen, die zu Coronakrisenzeiten Zugang zu Verschwörungstheorien finden, ins Gespräch zu kommen – unter Wahrung der Abstandsregeln selbstverständlich. Und beten wir für diese Menschen. Dass sie zur Vernunft kommen. Dass Gott Ängste, negative Gedanken, Minderwertigkeitsgefühle, Selbsthass von ihnen nehme.

Mit guten Wünschen,
Ihr Pfarrer Alexander Bitzel

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