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Besinnung | 14. August 2020

Impuls zum Jakobusbrief

Versuchung

Kann es sein, dass Gott uns in Versuchung führt? Der Jakobusbrief 1,13-18 und der Papst Franziskus sagen: Nein! Deshalb sollte das „Vater unser“ geändert werden und kam vor zwei Jahren in die Schlagzeilen. Ich möchte beiden, dem Jakobus und dem Papst, versuchsweise widersprechen! Ich denke, dass die Coronazeit eine Zeit der Versuchungen ist, die Gott uns geschickt hat, und ich will deshalb gerne beten: Und führe uns nicht weiter in Versuchung, sondern erlöse uns von Corona!

Wir Christenmenschen sind frei, wir dürfen beten, wie es für uns passt. Wer das Vater unser nicht mitbeten will, darf das. Dass die ganze Gemeinde das Gebet Jesu laut mitspricht, ist übrigens erst in der Bekennenden Kirche eingeführt worden. Mitten in der Versuchung wollte die ev. Gemeinde ihr Christsein nicht verstecken, nur weil es unter Naziherrschaft politisch nicht passte. Das laut gebetete Vater unser ist uns aus dieser Versuchungszeit geblieben. Gleichzeitig läuten die Glocken. Aber wir kennen keinen Gebetszwang. Deshalb darf der Papst und jeder andere Christenmensch eine Änderung vorschlagen, in ökumenischer Weite und gegenseitigem Respekt. Der Jakobusbrief steht im Kreis der biblischen Zeugen allerdings alleine da: Gott führt nicht in Versuchung? Viele andere Bibelstellen erzählen genau das! – auch wenn das schwer zu verstehen ist. Aber muss man alles verstehen, was man betet? Nein, allerdings muss ich an das weise Wort von Mark Twain denken, der gesagt hat: Nicht die Bibelworte, die ich nicht verstehe, beunruhigen mich. Vielmehr beunruhigen mich die Bibelworte, die ich sehr gut verstehe!

Wie ist es also mit der Bitte: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen? Ein Übersetzungsfehler ist es nicht. Aber Fragen gibt es natürlich. So fragt der moderne Mensch möglicherweise genauso wie der Jakobusbrief: kann es wirklich sein, dass der gute Gott uns in Versuchung führt? Was ist eine Versuchung? Wenn du das nicht weißt, weißt du wenig vom Glauben an Gott. Die Bibel ist jedenfalls voll von Versuchungsgeschichten! Manche sind ausgesprochen dramatisch. Immer kommt Gott darin vor. Manchmal wird erzählt, dass die Menschen der Versuchung nicht widerstehen, manchmal wird ihr erfolgreicher Widerstand gegen die Versuchung erzählt. Die Versuchungsbitte ist in Bezug auf die biblische Überlieferung nur die Spitze des Eisbergs. Gott versucht ständig, und die Menschen lassen sich auch ständig versuchen!

Die berühmteste Geschichte: Adam und Eva, ihre „erfolgreiche“ Versuchung hat etwas mit Gottes Verbot zu tun und mit der menschlichen Lust zum Ungehorsam. Die Geschichte soll nicht zum Gehorsam erziehen, sondern sie zeigt, wie wir Menschen sind: wir sind verführbar, wenn es um Lustgewinn und Eigensinn geht. Und zwar schon immer. Das ist der Preis der Freiheit. Das Problem ist nicht das Gebot Gottes, sondern unsere Verführbarkeit und unser Drang, die Verantwortung nicht selbst zu übernehmen sondern anderen zu überlassen, dem Schöpfer, dem anderen Geschlecht, der Kreatur, die der jeweiligen Versuchung ihre Stimme gibt. Die erste Versuchungs-Geschichte der Bibel ist Gottes Spiegel der Menschheit jenseits von Eden. Natürlich kommt Gott in ihr vor. Seine oft vergebliche Bitte: lass dich nicht weiter in Versuchung führen, du kennst die Folgen und musst die Verantwortung selbst übernehmen. Die Versuchungen der Urgeschichte, die Urversuchungen sind: Gottes Gebot missachten, das Störende eigenmächtig beseitigen (wie Kain den Abel), die Folgen nicht bedenken. Die Folgen von Massen-Tierhaltung, Massen-Tourismus, Massen-Ansammlungen nicht bedenken, das passt zu unserer Zeit. Gott hilft uns, indem er uns vielleicht sogar durch die Corona-Pandemie daran erinnert: bedenke die Folgen deines Tuns!

Gott sei Dank erzählt die Bibel auch von erfolgreich bestandenen Versuchungs-Prüfungen: Die gruseligste Geschichte wird von Abraham und Isaak erzählt. Abraham ist Gott gehorsam und bereit, Isaak zu opfern und bekommt ihn ein zweites Mal geschenkt. Wahrscheinlich hat er Sara nicht gefragt, die hätte da nicht mitgemacht. Vielleicht sollten wir in unserer Zeit der Prüfungen und Versuchungen Gott mit einer Variation der Vaterunser-Bitte anreden: Gott, bewahre uns vor uns selbst, warne uns rechtzeitig, weil wir schon mittendrin sind im selbst eingebrockten Schlamassel, hol uns raus, wir schaffen das sonst nicht! – Kurz: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!

Bleiben Sie behütet und möglichst gesund!
Ihre Pfarrerin Dorothee Löhr

 

 

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