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Besinnung

aus dem Gemeindebrief Passion/Ostern 2017

Neulich habe ich in unserem öffentlichen Bücherschrank, der erfreulicherweise meinem Pfarrhaus gegenüber aufgestellt ist, ein kleines und sehr feines Buch entdeckt. Es handelt von Ketzern des 13. und 14.  Jahrhunderts, konkret: von Katharern, Waldensern und anderen. Geschrieben hat das Buch Christoph Auffarth, der Professor für Religionswissenschaft an der Universität Bremen ist. Das Buch beleuchtet eine Schattenseite der Geschichte unserer Kirche. Es beschreibt Gewalt, Verfolgung und Machtkämpfe. Auffarth schreibt als Wissenschaftler. Er schreibt nüchtern. Er belegt alles, was er behauptet. Er eifert nicht gegen die Kirche. Was man liest, ist erschreckend.

Nun könnte man das Buch nach der Lektüre beiseite legen und sagen: Das ist alles lange her. Heute sind wir vernünftige Menschen. Wir haben keine Angst mehr vor Teufeln und Dämonen. Wir wissen von friedlichen Wegen der Konfliktentschärfung. Dennoch meine ich: diese dunkle Vergangenheit unserer Kirche müssen wir kennen. Wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen. Was heißt es für uns, dass sich die Verfolger der Katharer und Waldenser als Christen verstanden? Bernhard von Clairvaux (1090-1153) zum Beispiel: Er war ein berühmter Prediger, ein feinsinniger Ausleger der Bibel. Er war ein tieffrommer Mensch. Martin Luther hat Bernhards Bücher geliebt. Für einen der größten Theologen des Abendlandes hielt er Bernhard. Bis heute inspirieren Bernhards Texte viele Christinnen und Christen. Auf der anderen Seite war Bernhard ein schroffer Ketzerjäger. Er hat zu Kreuzzügen aufgerufen, die Raubrittern die Möglichkeit eröffnet haben, als fahrende Krieger im Heiligen Land ein „frommes Werk“ zu verrichten – für uns Heutige eine absurde Vorstellung.

Was fangen wir mit Bernhard an? Sagen wir: Er war kein Christ? Oder sagen wir: Er war ein Christ, der sich an manchen Stellen gewaltig geirrt hat? Ich entscheide mich für Letzteres. Denn klar ist: Menschen irren sich. Berühmte Menschen irren sich, weniger berühmte auch. Das ist schmerzlich. Doch lässt es sich nicht abstreiten. Martin Luther, der selbst verketzert und verfolgt wurde, hat zugelassen, dass Täuferchristen und andere verfolgt wurden. Wie Bernhard hat sich auch Luther geirrt. Für ihn waren diese Irrtümer Sünden. Und den Kampf gegen diese Sünden nannte Luther Buße. Das Leben eines Christenmenschen muss eine tägliche Buße sein. So lautete die erste der 95 Thesen Luthers vom 31. Oktober 1517. Wichtig dabei: Bei der Buße haben wir einen starken Helfer: Jesus Christus. Wir müssen nicht aus eigener Kraft die tägliche Buße vollziehen.

Die Passionszeit ist eine Zeit, die uns mit menschlichen Schattenseiten konfrontiert. Mit unseren, mit denen von anderen. Auch die Schattenseiten unserer Kirche sind Thema der Passionszeit. Nicht nur die Kirche des Mittelalters hat sich geirrt. Unsere heutige Kirche ist vor Irrtümern auch nicht gefeit. Nutzen wir die Zeit: Gehen wir in uns. Versuchen wir, eigenes Fehlverhalten zu erkennen und abzustellen. Tun wir mit Jesu Hilfe Buße, wie Luther das genannt hat. Öffnen wir uns dem Geist Jesu. Setzen wir uns dafür ein, dass unsere Kirche eine Gemeinschaft wird, die sich mit Jesus Christus verbindet. Machen wir unsere Gemeinde zu
einem Ort, der sich wohltuend unterscheidet von allen anderen Orten. Zu einem Ort, den Luther in einer Predigt aus dem Jahr 1539 einmal so beschrieben hat: „Die Kirche ist eine Wohnung, da man Gott lieben und hören soll. Nicht Holz oder Steine ... es sollen Menschen sein, die Gott erkennen, lieben und preisen.“

Mit guten Wünschen für die kommende Passions- und Osterzeit bin ich
Ihr Pfarrer Alexander Bitzel

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